Unabhängigkeit

KWS Vorstand Sebastian Talg im Interview

„Der Erfolg der Betriebe
ist unser Maßstab.“

Wie kann KWS Landwirtinnen und Landwirte noch besser dabei unterstützen, langfristig erfolgreich zu sein? Im Interview spricht Sebastian Talg, seit September 2025 im Vorstand von KWS, über die Bedeutung eines ganzheitlichen Blicks auf landwirtschaftliche Betriebe, die Entwicklung von KWS und die Rolle von Pflanzenzüchtung, Daten und künstlicher Intelligenz (KI) für die Landwirtschaft der Zukunft.

Herr Talg, wie hat sich KWS im Geschäftsjahr 2025/26 entwickelt?

Das Jahr war für die Landwirtschaft nicht einfach. Niedrige Agrarrohstoffpreise sowie hohe Kosten bei wichtigen Betriebsmitteln haben die Betriebe belastet; zugleich gingen die Anbauflächen in für KWS wichtigen Kulturarten zurück. Trotz des herausfordernden Umfelds haben wir uns robust entwickelt. Der Umsatz sank leicht, blieb aber auf hohem Niveau. Zugleich konnten wir erneut eine hohe Rentabilität erzielen.

Was waren die wichtigsten Gründe für diese Stabilität?

Wir profitieren heute von den Entscheidungen und Investitionen der vergangenen Jahre. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist unsere starke Züchtung. Innovationen wie CONVISO® SMART zeigen, welchen Mehrwert langfristige Forschung und Entwicklung schaffen kann, wenn sie konkrete Herausforderungen im Feld löst. Obwohl die globale Zuckerrübenfläche deutlich zurückgegangen ist, haben wir unsere Position erfolgreich behauptet. Ein weiterer Faktor ist die Breite unseres Portfolios: Im Getreidesegment etwa wurden Belastungen im Roggengeschäft teilweise ausgeglichen durch positive Entwicklungen in anderen Kulturarten, insbesondere Raps. Hinzu kommt unser klarer strategischer Fokus auf Bereiche, in denen wir langfristig profitabel wachsen können.

Landwirtinnen und Landwirte entscheiden heute nicht isoliert über einzelne Produkte, sondern im Kontext ihrer gesamten Fruchtfolge und der Wirtschaftlichkeit ihres Betriebs.

Sebastian Talg | Mitglied des Vorstands

Gab es strategische Entwicklungen, die für das Geschäftsjahr besonders prägend waren?

Die wichtigste strategische Entwicklung war für mich, dass wir unsere Ausrichtung auf die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden weiter geschärft haben. Landwirtinnen und Landwirte entscheiden heute nicht isoliert über einzelne Produkte, sondern im Kontext ihrer gesamten Fruchtfolge und der Wirtschaftlichkeit ihres Betriebs. Dieser braucht dabei nicht nur die beste einzelne Sorte, sondern das beste Portfolio für seine jeweilige Situation. Wir wollen Sparringspartner sein und Kundinnen und Kunden dabei unterstützen, die besten Entscheidungen zu treffen und ihre Betriebe langfristig erfolgreich aufzustellen. Deshalb verbinden wir Genetik, kulturartübergreifende Beratung, Daten und digitale Werkzeuge entlang der gesamten Fruchtfolge noch enger miteinander.

Präzise Anbauempfehlungen, schlagspezifische Beratung und digitale Tools für alle Phasen des Anbaujahres: Mehr zu unserem digitalen Service myKWS.

Wie unterstützen Daten und digitale Tools diesen Ansatz?

Mit myKWS bieten wir Landwirtinnen und Landwirten bereits heute digitale Beratung und Entscheidungshilfen für das gesamte Anbaujahr. Zugleich investieren wir in neue Kompetenzen rund um Daten und KI. Langfristig eröffnet KI die Chance, individuelle Voraussetzungen wie etwa Wetter, Märkte, Krankheiten oder verschiedene Bodenbedingungen noch besser mit unserem genetischen Wissen zu verbinden. Klar ist aber auch: Digitale Tools können Beratung ergänzen, aber nicht den persönlichen Austausch ersetzen.

Was bedeutet Nähe zur Landwirtschaft für KWS selbst?

Pflanzenzüchtung braucht einen langen Atem: Entscheidungen, die wir heute treffen, werden oft erst viele Jahre später im Markt sichtbar. Deshalb müssen wir früh erkennen, welche Herausforderungen auf die Landwirtschaft zukommen, und unsere Züchtung entsprechend ausrichten. Wir sitzen mit den Betrieben in einem Boot. Ihr Erfolg ist letztlich auch unser Erfolg. Je besser wir zuhören, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen.

Wenn Sie nach vorn blicken: Welche Herausforderungen werden die Landwirtschaft in Zukunft besonders prägen?

Die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln wird in den kommenden Jahrzehnten stark steigen. Gleichzeitig steht weniger Anbaufläche pro Kopf zur Verfügung, und die Auswirkungen des Klimawandels werden vielerorts bereits spürbar. Die Produktivität der Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv erhöht. Dazu beigetragen haben neben der Pflanzenzüchtung vor allem künstliche Düngemittel, chemischer Pflanzenschutz und Mechanisierung. Diese Hebel bleiben wichtig, stoßen aber zunehmend an Grenzen. Dadurch wird Pflanzenzüchtung ein noch wichtigerer Faktor. Neue Züchtungsmethoden sowie die Verbindung von Genetik, Datenanalysen und KI eröffnen uns dabei zusätzliche Möglichkeiten. Für mich ist das eine enorme Motivation: Wir können mit unserer Arbeit einen Beitrag zu einer der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte leisten.

KWS feiert in diesem Jahr 170 Jahre Unternehmensgeschichte: Was bedeutet das heute?

In seiner langen Geschichte hat KWS zahlreiche Krisen, Umbrüche und Veränderungen erlebt. Dabei ist es dem Unternehmen immer wieder gelungen, sich anzupassen und erfolgreich zu bleiben. Für mich liegt das vor allem an einer besonderen Haltung. KWS ging es nie darum, kurzfristige Erfolge zu maximieren, sondern um langfristigen Fortschritt in der Züchtung. Diese Perspektive und die Überzeugung, dass wir nur erfolgreich sein können, wenn unsere Kundinnen und Kunden erfolgreich sind, prägen das Unternehmen bis heute.

Die Finanzzahlen zu unseren Segmenten finden Sie im nächsten Artikel.